Dawdling away
Karten

Buch

Keigo kannte zwei Sorten von Büchern: die, die er besaß, und die, die er gelesen hatte. Die ersteren standen in einem Regal in seinem Zimmer, weil es zum Bild gehörte, das seine Eltern von ihm hatten, weil es zu dem Menschen passte, den sie gerne als Sohn hätten. Er kannte von allen den Inhalt, hatte jedes Wort aufgenommen und verarbeitet. Diese Bücher waren gut behandelt worden, sorgfältig aufgeschlagen und ordentlich ins Regal zurückgestellt. Aber Keigo hatte sie nie wirklich gelesen.

Bücher mit eingedellten Einbänden, Kaffee- und Schokoladenflecken, fast am Auseinanderfallen, mit dazunotierten Bemerkungen und Worten am Rand. Diese gehörten nicht ihm, sondern Yuushi, und sie machten ihn zu dem Freund, der er für ihn war. Yuushi lieh ihm die Bücher nie, sondern verlor sie im Clubraum, verwechselte Keigos Tasche mit seiner eigenen oder ließ sie einfach kommentarlos auf Keigos Platz liegen. Eine Bruckner-Biographie war das letzte gewesen, davor Briefe von Rilke und Schillers "Räuber". Keigo weigerte sich allerdings, "Stolz und Vorurteil" zum sechsten Mal zu lesen.

(Und das hatte absolut nichts mit den ganzen Zetteln zu tun, die er immer für sich darin fand.)

25.7.09 18:02


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Wald

Der Wald lebte schon seit Anbeginn der Tage. Er war alt und hatte auf seinen Wanderungen durch die Welt viel gesehen. Städte, Menschen, Länder, Kriege, Wandel.

Der Wald war kein gutes Wesen. Er war auch nicht böse. Er ließ ein, wer immer unter seinen Baumkronen Zuflucht suchte, und er vernichtete, wer immer dem Leben des Waldes Schaden zufügte.

Der Wald sah viel, die Blätter der Bäume mit ihren langen, tragenden Ästen waren seine Augen.

Der Wald hörte viel, seine Vögel kommunizierten frei mit allen Wesen der Welt.

Der Wald schmeckte viel, sein See hatte bereits viele von Krankheiten und Vergiftungen befreit, viele in seine Tiefe gezogen und ertränkt.

Der Wald spürte viel, denn er konnte im Wind lesen und dem Boden entnahm er seine Geschichte. Und der Wald konnte fühlen, Ärger, Wut, Zorn, Sorge, Stolz, Zufriedenheit, denn er lebte schon seit Anbeginn der Tage.

18.3.09 13:15


Verängstigt

Das kleine Mädchen kauerte in der Ecke und zitterte. So, wie es sich gehörte, wenn ein ausgewachsener Vampir in dunklem Umhang böse lächelnd mitten im Zimmer stand.

Allerdings störte ihn irgendetwas an dem Bild. Ah, ihre Augen. Sie waren nicht auf ihn gerichtet. Weder auf sein (übrigens sehr anziehendes) Gesicht, noch auf seine bedrohliche Gestalt. Schockgeweitet und nahe an Tränen schweiften sie in Höhe seines Kopf von links nach rechts, nach oben, in einem raschen Bogen wieder nach links...

Irritiert sah er sich um, kam jedoch mit seinen Blicken anscheinend nicht nach, denn er sah nichts. Es begann ihn zu leicht wütend zu machen - was um alles in der Welt konnte Schlimmer sein als er, der gefürchtete Vampirlord, personifizierter Albtraum aller Kinder im Umland, der Grund, weswegen Mütter bereits bei beginnendem Einbruch der Nacht sorgfältig alle Fensterläden verschlossen, Kamine abgedeckt wurden und der Knoblauchimport den höchsten Stand seit Jahren erreichte?

Die Augen des Mädchens verlangsamten jetzt ihre Bewegung und kamen knapp neben seinem Hals zu einem Halt. Er spürte, wie sich winzige Krällchen durch den dünnen Stoff seines Mantels bohrten (der Mantel war schließlich nur für den Effekt nötig, es war viel zu warm für echte Wolle) und ein federleichtes Gewicht die Schulterpartie zum Spannen brachte.

"Bitte, tu die Fledermaus weg...."

Als er das verängstigte Flüstern des Mädchens hörte, lachte er und beobachtete dann mit größtem Vergnügen, wie sie zu Wimmern anfing, als er eine Hand hob und Vigor vorsichtig über den ledrigen Kopf streichelte.

1.7.08 20:20


Kapelle

Sie war nicht groß, passte gerade so zwischen die Bäume, die sie umgaben. Die Dachziegel bemoost, die Wände aus schlichten Holzbalken zusammengezimmert, schien sie sich an ihre Umgebung anpassen zu wollen. Möglichst unauffällig einfach nur herumstehen zu wollen.

Diese Kapelle war ihr Treffpunkt. Sie kam auch alleine oft hierher - es war ein Fußweg von einer knappen halben Stunde durch den Wald, oft nutze sie die Strecke auch zum Laufen. Aber seit ein paar Wochen wartete er jeden Freitag hier auf sie. Saß auf einem der abgesägten Stämme und stand mit einem Lächeln im Gesicht auf, wenn er sie kommen sah.

Das Gebäude war immer offen, es gab nicht Wertvolles im Innern, das man hätte wegschließen müssen, und so saßen sie dann auf einer der drei schlichten Bänke vor dem Altar und redeten. Oder schwiegen und lauschten dem Regen. Oder hörten Musik, die sie oder er mitgebracht hatte. Oder hielten einfach nur die Hand des Anderen in ihrer eigenen.

1.7.08 20:17


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